Nicht mal einen Zahnstocher

Zeitgleise Auf neuen und auf alten Gleisen, in einer vertrauten und doch fremden Zeit

Buch+Ebook hell - Simplizismus 2

Auszug aus Simplizismus. Eine dieser besonders finsteren, wolkenverhangenen Nächte ohne Mond- und Sternenlicht. Mitten im tiefen Nordschwarzwald, im dichten Fichtenwald auf dem Weg um den Berg herum von Herrenwies hinüber zum Herrenwieser See. Friedrich Saalfeldt ahnt, dass es wohl noch ungemütlicher für ihn werden wird. Immer dann, wenn Silvio Pescher, unterdessen einunddreißigjährig, so ganz “schweigsam-lächelnd” wird und nur noch der Bijix aus seinem tiefen Inneren zu dir rausschaut und absolut gar nichts mehr von der Menschseite Silvios erkennbar ist, nun, dann ist es wieder einmal soweit und irgend so ein Zauber-Hokuspokus steht auf dem Plan. Das letzte Mal, als er so richtig massiv zuschlug, dieser Bijix in Silvio, da war Friedrich sieben Jahre alt und sie alle im Südschwarzwald auf einem Urlaubstrip unterwegs. Damals hatte er auch schon geschlafen, als es richtig finster wurde und die Erwachsenen um ihn herum anfingen sich zu fürchten. – Heute ist wohl er einer dieser Erwachsenen, die live dabei sein dürfen, beim Showdown, beim Livestream, der irgendwas magisch-brisantes an sich haben wird … Das ahnt er jedenfalls. Und Silvios besonnene Schweigsamkeit in seinem Rücken verzückt ihn dabei am allerwenigsten … Volker und Leo haben in letzter Zeit auch ständig so bedenklich um sich geschaut, wenn sie dachten, keiner würde es sehen. Aber irgendwie hat Friedrich dabei doch immer das Gefühl gehabt, sie machten sich um Simon sorgen und nicht um ihn. – Na ja, die Großen!! – Hatten es schon immer gut drauf einen zu verwirren oder eben von der offensichtlichen Spur abzulenken. Zumindest Volker ist darin auf Meisterklassen-Niveau unterwegs… Silvio trägt einen Rucksack am Rücken. Darin steckt unterdessen Friedrichs Kleidung und seine Wanderschuhe baumeln von der Seitenkante herunter, mit den Schnürbändeln an irgendeinem Riemen festgeschnürt. Er, Friedrich hat dabei nichts bei sich, eben außer sich selbst gesehen. Vielleicht, wenn er schon eine Plombe im Mund hätte, dann wäre die jetzt vielleicht noch bei ihm – aber so, wie er diesen freundlich-lächelnden Bijix kennt, hätte der vorher noch schnell eine Zange gezückt und ihm den Zahn samt der Plombe darin kurzerhand gezogen … So ist Silvio nunmal. Wenn er sich was vorgenommen hat, dann wird es auch konsequent durchgezogen. Mit allen benötigten Features enthalten und alles andere muss artig zur Seite weichen … Er, Friedrich, hier nun in nackter Originalfassung, ohne Zahnspange, Haargummi, Ohrring oder gar Nutzbarem wie einem Messer ausgerüstet oder wenigstens doch mal einem Zahnstocher im Mund, auf dem er nervös herumknabbern könnte … Ständig sucht seine Zunge zwischen seinen Zähnen nach diesem imaginären Gegenstand, der da doch irgendwo zwischenklemmen muss, denn sonst würde er sich doch nicht gar so mies und beschissen fühlen … Aber da ist einfach nichts eingeklemmt – absolut gar nichts, dem er die Schuld für sein Unbehagen zuschieben kann … Der finstere Tannenwald auch nicht gerade ein Trost. Nicht mal am Himmel über dem Weg kann man was erkennen – sind doch sonst da oben eigentlich Sterne vorgesehen und vielleicht sogar noch ein passender Mond dazu. Aber nichts, gar nichts. Keine Lichtquelle, kein Fingerstreich Hilfsangebot von außerhalb … Und er dachte immer, die da draußen, die halt von außerhalb seiner Welt, würden die hier drinnen, die zu den Anständigen zählen, in solchen Momenten nicht im Stich lassen …

Zeitgleise Auf neuen und auf alten Gleisen, in einer vertrauten und doch fremden Zeit

Buch+Ebook Sterne - Simplizismus 2
Leseprobe zum reinklicken und durchblättern…
Zeitgeise-1.3.2-Simplizismus-xfw1.Auflage-B-LP

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ab 16 / je Teilband als Taschenbuch (13,5×21,5) ca. 340-400 Seiten
angenehm lesbares Schriftbild – vorlesbar über Reader-Funktion
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