Gästebucheintrag

Zeitgleise Auf neuen und auf alten Gleisen, in einer vertrauten und doch fremden Zeit

Buch+Ebook hell - Sofienpavillon 1, BB 1

Auszug aus Sofienpavillon 1, BB.  Eintrag »Parkianer/12Uhr/23/zu Pferd« (29254Asgijahr/April 1978). Ein so typischer Eintrag in den Gästebüchern der Gasthöfe dieser Tage im Nordschwarzwald, dass sich darüber keiner mehr wundert. Seit langem schon. Wer als erster damit anfing Zäune aufzustellen, Notunterstände, Stallungen mit Tränken, Körnertrögen, Strohballen herzurichten, weiß heute keiner mehr, aber unterdessen sind sie alle darauf eingestellt. Gäste jeglicher Ausstattung und Anhänge zu bewirten und im Idealfall über Nacht einzuquartieren. Solche per pedes, im Winter auf Skibrettern oder mittels Schneeschuhe oder ganzjährig hoch zu Sattel und genauso welche auf Rädern in den wärmeren Monaten oder tatsächlich noch immer motorisiert und modern mit Vierradantrieb oder nur auf Zweien. Auch hier gibt es Unterschiede sondergleichen. Museumsformen darunter genauso wie Edelkarossen, Rostlauben und Rennmaschinen, die man doch eher auf Rallyes vermuten wollte, denn auf Schwarzwalds Straßen. Und genauso das Ganze zur Gruppe formiert, wie Harley Davidson und Compagnie, mit selbigen Raubeinen bestückt, in satter Anzahl, die Robert-der-Butler so gern verkloppen ging. Damals, als Stefan noch ein Kind war und über ihn frei verfügte. Demon Riders nennen sie sich, die ganz wilden Jungs darunter. Wo du als Gastwirt normal lieber vom Besuch Abstand nehmen wolltest. Aber dieser Tage tut das keiner mehr. Heißt an Gästen willkommen, gleich wen er auch kriegen mag. Überleben, die Hand weiterhin befüllt gen Mund zu führen, stellt für alle Notwendigkeit. Dafür richten sie ihre Höfe so her, dass der Parkplatz alles beherbergen kann, was geht und nebendran stehen kleinere Koppeln bereit mit Wetterschutzzonen und für die kältere Jahreszeit richtige Stallungen, auch mal etwas weiter weg liegend. Wer sein Pferd mitbringt, sorgt im Notfall selbst für dessen Sicherheit, bringt einen Wächter mit oder übernachtet bei seinem Tier. Die Welt wächst wieder zusammen. Wird enger, kuscheliger. Man rückt sich näher. Und wer es noch immer nicht glauben mag, dass es so ist, braucht nur einen Western anzuschauen und schon werden ihm die Parallelen zu seiner eigenen Welt offenbar. Außer er/sie lebt rein in den Städten und verlässt die Schutzzonen dort nie? Nun, das gibt es natürlich genauso. Besser Gestellte, deren Reichtum begrenzt ist… Sozialstaatliche Einrichtungen am Land brechen spätestens Anfang der Sechziger vollständig zusammen. Gesetze zum Schutz der Familie gelten nicht mehr. Viele Leute tauchen rein deshalb unter den Radar ab, weil sie sich das zugrunde liegende Regelwerk, Exklusivität und Preise oberhalb nicht mehr leisten können, suchen nun dringend eine Hand, die sie ernährt. Also jedweder, der eine gute Seele in sich trägt, nimmt es dieser Tage mit dem Papierkram seiner Helfershelfer nicht gar so genau. Schon weil er/sie darum ahnt, dass dieser eine, der sich traut ins Licht zu treten, wer weiß wie viele hungrige Mäuler damit ernährt. Liegt sichtbar keine Liederlichkeit vor, ist keine Unmoral, kein Geschäftssinn unterer Etagen, keine Zugehörigkeit zu Drogen- oder Waffen-Kartellen, zu Untergrundsyndikaten und ähnlichem sichtbar, wird er/sie als Chef sicher mit einfachen Papieren zufrieden sein. Die Augen verschließen und hoffen, dass sein/ihr Bauchgefühl auch in diesem Fall richtig votierte. So entschied seiner Tage der Wirt des Gasthofs »Zum Kratzbaum«, circa fünfzig Kilometer Schwarzwald einwärts aus Baden-Badener Sicht, als er Moni engagierte. Die damals höchstwahrscheinlich noch lange nicht Sechzehnjährige, als die sie sich vorstellt, sah nach harter Schule aus, nach Siechtum auf der Straße. Eine Existenz, die man keinem jungen Mädchen wünscht, das nach ehrlicher Haut riecht. Ganz egal ob jetzt für den Moment zurechtgeputzt oder ehrlich hilflos heruntergekommen, zerrupft und ungewaschen, man nimmt sie auf, wenn man kann. Ermöglicht ihr ein geschützteres Leben und hofft im Stillen, nicht gleich mehrere an der Stelle zu engagieren. Ein Baby in baldiger Zukunft würde die Arbeitskraft der jungen Lady deutlich einschränken und sie damit mehr als Belastung denn als Zugewinn bestätigen. Und raubeinige Jungs nicht davon abhalten, sie hart ranzunehmen. Wie es dieser Tage in der Welt am Rande üblich ist. Du als Chef versuchst auch nur im Falle dessen, es dir tatsächlich möglich ist zu obsiegen, einzugreifen. Damit gefährdest du am Ende alle deine Schützlinge, nur weil du einer Einzelnen helfen willst. So was gilt sinnvoll und vernünftig abzuwägen. Somit gilt in jedem Fall zu verstecken, was im Falle dessen ein Angriffsziel bilden könnte. Also schlicht die Hübschesten, Zarteren, Jüngsten in der gut abgeschirmten Küche und in den abgelegenen hinteren Ställen und Kellerräumen zu beschäftigen und nicht dort, wo sie jedermann sieht. Außer, jemand wie die Parkianer meldet seinen Besuch bei dir an und bietet damit ausreichend Schutz, dass du alle mal wieder Frischluft tanken lassen kannst. Diese Parkianer, die sich zwischenzeitlich schon wie wilde Karnickel vermehren, dass du es kaum glauben magst, die haben es wahrlich in sich. Kündigen sie sich bei dir an, hängst du sofort eine große Tafel vors Haus und schreibst sie als Eintrag für besagten Termin drauf. Dass das auch Jedermann im Umfeld mitkriegen mag und sich selbst in Sicherheit bringen. Jedermann, der dir sonst deine Schwierigkeiten bereitet, ist in dem Fall geneigt, Konfrontation zu meiden. Um diesen veranschlagten Tag außenrum keinen Mist in deinem Umfeld zu verzapfen. Denn das könntest du ja deinen Gästen, den Parkianern erzählen und die sich hernach darum kümmern wollen…


Zeitgleise Auf neuen und auf alten Gleisen, in einer vertrauten und doch fremden Zeit

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