Darauf hoffen, den Tag zu überstehen

Wie Sterne (1.5.1)-Stenka Bierdermann (BoD)-C-M1-Internet-0720

Auszug aus Band 1.5 Stenka Biedermann. (Tobs) „Wie ging es bei euch zu?- Oben in Köln?“— (Römer stöhnend) „Schlimm. So richtig. Dagegen leben wir hier unten immer noch überall im Paradies. Auch außerhalb des Parks…. So schlimm, dass du lernen musst wegzusehen. Nur um es zu ertragen, dass du zurückkommen musst…. Vielleicht bin ich deshalb immer noch halb blind und taub. Obwohl ich daran arbeite, es nicht mehr zu sein…— Ich spüre, du wirfst mir vor, dass ich Toljas nicht gewarnt habe. Auch kein anderer…?!- Aber weißt du, dieser verrückte Kerl – also Solta – der hat so wunderbare Seiten an sich, dass man in seinem Umfeld schnell bereit dafür wird, anderes übersehen zu können. Ich habe ihn aus Leichenhaufen Kinder rausziehen sehen. Die noch gänzlich von Blut verklebt auf seinem Schoss saßen und backe-backe-Kuchen-spielten und dabei munter lachten, obwohl sie noch kurz davor kaum atmen konnten vor lauter Panik und Schreck…— Wenn du an einem Ort lebst, wo Paramilitärs, Soldaten, Polizisten, unbeteiligte Bürger, Schulkinder, alte Menschen tagtäglich in katastrophale Schlachten verwickelt werden und am Ende nicht einmal wer vorbeikommt, die Leichen wegzuräumen oder die verstreut rumliegenden Waffen einzusammeln?- Nun, spätestens am nächsten Morgen wandern die in den Untergrund oder wenigstens doch auf den Schwarzmarkt. Drei Tage später schießt ein harmloser wutentbrannter Bürger einem harmlosen Polizist mitten ins Gesicht. Mit eben dieser Waffe, die irgendwer rumliegen ließ. Und weiß du, warum er das tut?- Weil sein Bruder, sein Cousin, sein Vater oder auch nur ein Nachbarskind von einem anderen Polizisten genauso brutal abgeknallt wurde…— Ob wenigstens doch der erste Schuss mit Grund erfolgte oder nicht, will keiner mehr wissen…. Denn am nächsten Tag antwortet schon wieder ein anderer auf die Botschaft dieses Tages und so geht es weiter. Tag für Tag, Woche für Woche, bis alle tot sind um dich herum. So fühlt es sich an. Jeden Abend fragst du dich erneut: Warum lebe ich?- Warum kann ich noch immer atmen und gehen?- Warum wurde ich auch am heutigen Tag verschont, wo andere, genauso Unbeteiligte reingezogen und erschossen wurden. Oder brutalst totgeschlagen. Zertrampelt. Zerquetscht. Aufgeschlitzt und verbluten gelassen…. Spielt keine Rolle. Ist unerheblich. Alles was zählt ist, dass es morgen genauso weitergeht…— Du fragst dich, warum ich Solta meinen Freund nenne?- Obwohl ich darum ahne, was er Schlimmes getan hat. Gänzlich ohne Verantwortungsbewusstsein, ohne schlechtes Gewissen, ohne Scham und Reue. Rein spielerisch, weil ihm grad so danach war…. Einen Schwachpunkt in Percys Abwehr zu finden…. Ja. Genau das riecht nach ihm. Solta. Meinem unverbesserlichen Freund.— Bei dem ich immer versuche, das Unschöne nicht sehen zu müssen. Denn das Leuchtfeuer, das er verbreiten kann, hat mich sooft von innen nach außen aufgewärmt, mir sooft Mut gespendet, wo ich dachte längst keinen mehr aufbringen zu können…. Solta konnte es. Und ich hernach wieder weitergehen und am anderen Tag erneut aufstehen und weiterkämpfen…. Ich bin nur seinetwegen hier. Genauso Percy. Wenn Solta nicht auf uns aufmerksam gemacht hätte, würden wir immer noch in Köln darauf hoffen, den Tag zu überstehen. Und hier dreht sich unser Leben plötzlich um Liebe und Beziehung. Um Vertrauen und hehre Ziele. Darum, dass es eine Chance für alle auf ein echtes Morgen gibt. Also ein Morgen, das man auch überleben kann. Für das es sich lohnt aufzustehen und erneut Schaufel und Besen zur Hand zu nehmen und aufzuräumen…– Ahnst du eigentlich, was das hier für ein Paradiesgarten Eden ist?“— Ja. Das ist seine Antwort. Deshalb hat keiner was gesagt. Deshalb möchte Stefan, dass Solta im Park bleiben kann. Deshalb hat er Toljas dazu überredet, es durchstehen zu wollen. Diesen unverbesserlichen Chaot zu beaufsichtigen. Und letztlich trifft der Park damit eine gute Wahl. Denn es gibt auch an diesem verzauberten Ort nicht wirklich viele Jungs, die dieser Aufgabe gewachsen sein könnten…. (Tobs) „Jeden Tag?- Gab es solche Schlachten?“— Römer stöhnt hörbar…. „Nein. So schlimm war es doch noch nicht. Aber es gab jeden Tag neue Tote auf den Straßen. Wenn diese an manchen Tagen auch nur durch brutale Überfälle und allgemeine Streitigkeiten erzeugt wurden. Inklusive resultierender Brände, Polizeieinsätzen, Verkehrsunfällen. Jeden Tag starb jemand aus deinem direkten Umfeld…

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